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Das Pfadfindertum als ganzheitliche Erziehungsmetholde
Was ist der Unterschied zwischen einem Sportverein - oder einer Musikkapelle, oder einer Handwerkerzunft - und einer Pfadfindergruppe? Freilich wird man hier viele Differenzen feststellen können, aber man wird bei näherer Betrachtung merken, daß ein Pfadfinder Sportler, dann wieder Musiker oder Schauspieler, und ein andermal ein Handwerker ist. Als Pfadfinder ist man all das und noch viel mehr.
Der Gründer der Pfadfinderbewegung, Robert Stephenson Smyth Baden-Powell (1857-1941), schrieb seine Beobachtungen zur Ausbildung von Jungen im Nachrichten- und Spiondienst nieder. Sein Buch "Aids to Scouting" wurde 1899 veröffentlicht und bald darauf ein Bestseller. Wiederum brauchte es Beobachtungen und Überlegungen, um dieses Buch überarbeiten zu können und ein Erziehungsbuch für die Ausbildung von Pfadfindern, wie wir sie heute kennen, zu schreiben: "Scouting for boys." Darin schreibt er über sportliche Betätigung, Lebensrettung, Ausdauer, Spiele, Forschungsreisen, Bootfahren, Bergsteigen, Orientierung, Wetterkunde, Signalisieren, Theaterspiel, Bau von Zelten und Booten, Kochen, Brotbacken und vieles mehr. So vielseitig ist der Pfadfinder.
Baden-Powell wollte aber nicht nur ein Programm für die Freizeit vorlegen, sondern vielmehr den Jungen mit sinnvollen Dingen beschäftigen, die ihn in seinem Leben weiterbringen. Es geht nicht darum in diesem Leben irgendwas zu tun, sondern sein Leben in die Hand zu nehmen und seinen Charakter zu formen.
Als sich Baden-Powell im Juli des Jahres 1900 in Rustenburg (Südafrika) aufhielt, bekam er viele Briefe von Jungen und von Jugendorganisationen. Darunter befindet sich auch ein Brief an 15 Chorknaben aus Cheshire, die ihn fragten, ob er nicht die Schirmherrschaft für ihre ‚Gemeinschaft von Nichtrauchern' übernehme. Er sagte bereitwillig zu und schrieb ihnen: "Ich stimme ganz mit Euren Grundsätzen überein, denn es ist Eure Aufgabe in diesem Lebensabschnitt, eure Gewohnheiten und Euren Charakter zu formen, der Euch während Eures ganzen Lebens bleiben wird"
Diese so wichtige Charakterformung fordert eine umfassende Erziehung. Der Mensch ist eine Einheit von Leib und Seele. Jede echte Erziehung muß diese anthropologische Grundlage respektieren. Stephe - wie Baden-Powell genannt wurde - ist es gelungen mit seinem Erziehungsmodell den ganzen Menschen anzusprechen, ihn zu prägen und mit all seinen Fähigkeiten und Kräften, mit seinem leiblichen und seinem geistigen Können zu fördern.
Ein Punkt den Charakter junger Menschen zu stärken ist die Erziehung im Trupp und in der Kleingruppe.
Der Hauptzweck besteht darin, "möglichst vielen Knaben einen verantwortungsvollen Posten zu übertragen in der Absicht, ihren Charakter zu erziehen." Die Kleingruppe, die Sippe "ist die Einheit in der Pfadfinderbewegung, für die Arbeit wie für Spiel, für Disziplin wie für Pflichterfüllung." Der Feldmeister überträgt jedem einzelnen Verantwortung. Der Jugendliche wächst heran mit der Gewißheit, daß da jemand ist, der sein Vertrauen in ihn legt, und zwar mehr Vertrauen, als man je erwarten würde. Von einem Pfadfinder wird also viel erwartet. Weil dieses Vertrauen, das gerade in unserer Zeit so selten geworden ist, dem Pfadfinder Vollmacht und ihm in der Ausübung seines Amtes freien Spielraum gibt, dient dies Knaben mehr, als es "alle Schulübung zusammen jemals tun könnte." So entwickelt sich in ihm eine Haltung, die wir mit dem Begriff der Treue beschreiben können - für das Leben unverzichtbar.
Kurzum: Pfadfindertum ist Vorbereitung für das Leben. Der französische Jesuit und Gründer des katholischen Pfadfindertums in Frankreich, Père Jecques Sevin SJ (1882-1951) schreibt dazu: "Wir bringen ihm nun, anstatt des planlosen, nur dem Zufall überlassenen Vergnügens mit Methodik die Grundlagen der Tischlerei, der Elektrotechnik, der Botanik, des Zeichnens bei, Dinge, die ihm nicht als Arbeit, sondern als willkommenes Spiel erscheinen. Wir zeigen ihm, daß es im kindlichen Spiel von heute vielleicht lernt, sein tägliches Brot von Morgen zu verdienen."
Das Spiel fördert die Bewegung, Geschicklichkeit usw. Der Jugendliche lernt, Hindernisse zu überwinden. Er steht vielleicht zunächst "wie der Ochse vor dem Berg" - wie das deutsche Sprichwort sagt-, aber die Erfolgreiche Überwindung wird ihn lehren, auch in Zukunft nicht die Hände in den Schoß zu legen, sondern ein Problem anzupacken, anstatt davon zu laufen.
Unter Pfadfindern kurriet der Spruch: "Ein normaler Mensch ißt in seinem Leben ein Kilo Dreck, der Pfadfinder fünf Kilo." Ob das so ist oder nicht, eines ist klar: der Pfadfinder lebt in der Natur, und er wird durch den Bio-Rhythmus der Natur beprägt. Die ständige Stromversorgung ermöglicht dem Menschen die Nacht zum Tag zu machen, seine Lebensgewohnheiten umzustellen und sich Schritt für Schritt mehr und mehr denaturieren zu lassen. Das Leben in der Natur zeigt ihm, daß man auch mal ohne Strom auskommen kann: dieses Leben macht ihn frei für gute Gedanken und ein neues Verhältnis zur Realität.
Bei seinen Beobachtungen konnte Baden-Powell auch feststellen, daß der Mensch ein religiöses Wesen ist. Auch diesen Aspekt des menschlichen Lebens hat er in seinem Buch erwähnt: "Niemand ist viel wert, der nicht an Gott glaubt und nach seinen Geboten handelt. Darum sollte jeder Pfadfinder eine Religion haben." Wenn auch manche Biographen Stephe als einen der Religion eher distanziert gegenüberstehenden Weltmenschen beschreiben, so zeigt doch dieses Zitat, und darüber hinaus noch andere, daß er zwar für den Pfadfinder keinen bestimmten Glauben vorschrieb, aber in dessen Entwicklung der Religiosität Raum gab.
Es ist vernünftig, sein Leben in die Hand zu nehmen und es nicht dem Zufall zu überlassen. Das Pfadfindertum ist eine Möglichkeit dazu, sein Leben nach guten, vernünftigen Grundsätzen auszurichten. Einen Freundeskreis von Gleichgesinnten zu haben, die diese "Spielregeln" ebenso aktzeptieren, ist von außerordentlicher Wichtigkeit. In der Pfadfindergruppe bleibt dem Einzelnen aber immer genug Raum für seine individuelle Entfaltung, seine Talente. Die anderen in der Gruppe lernen dann von ihm, nehmen so an den Kenntnissen und Fähigkeiten teil und gewinnen daraus für ihr eigenes Leben. Der Pfadfinderführer schenkt ihm Vertauen, und dieses Vertrauen beantwortet der Jugendliche. Er weiß, daß es auf ihn ankommt, er weiß, daß er zwar seine Kluft ausziehen kann, aber er bleibt doch immer Pfadfinder. Einmal Pfadfinder, immer Pfadfinder. Der Sportler zieht sein Trikot aus, der Musiker legt sein Instrument weg und der Feuerwehrmann seinen Schlauch.
Der Pfadfinder kann auch seine Pfadfinderkluft ablegen, aber es verbindet ihn mehr mit seinem "Verein". Selbst wenn ein Altpfadfinder aus beruflichen oder familiären Gründen für die konkrete Pfadfinderarbeit sehr eingeschränkt ist, besteht doch weiterhin ein inneres Band durch die gemeinsame Gesinnung und aufgrund der Verantwortung vor Gott, die wir unser ganzes Leben lang haben.
Erschienen im Ruf des Königs Nr. 18 und in der Spur Nr. 117.
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